Die Möglichkeiten des Dazwischen
Christine Nippe
„Es geht mir um größere Fragen, als um die Darstellung einer Landschaft.“ (Michelle Jezierski)
Himmel, Wolken und Meer, durchbrochen von abstrakten Elementen sind nur auf den ersten Blick das Sujet der Malereien von Michelle Jezierski. Seit längerem dreht sich dabei das Werk der in Berlin lebenden Künstlerin um die Frage des Dazwischen. Es ist ein Dazwischen von Figuration und Abstraktion: Wieviel Informationen kann man weglassen? Und wie viel braucht es, um etwas im Betrachtenden auszulösen? Diese Fragen führen zum Kern des Werkes, der auf die Visualisierung der Reduktion und Essenz von Landschaft, jenseits eines spezifischen Ortes, abzielt.
Jezierski geht dabei zurück auf die eigentliche Frage der Abstraktion. Es geht ihr somit eher darum, Weite, Tiefe und Monumentalität eines Raumes zu zeigen, als eine Abbildung einer konkreten Landschaft. Dabei stört sie mit Hilfe von abstrakten Elementen, Schnitten und Verschiebungen ihre und unsere Erinnerung und Erfahrung eines spezifischen Ortes und lässt uns in einen Raum des Dazwischen von Abstraktion und Figuration treten.
Während ihres Studiums bei Tony Cragg an der Universität der Künste hat Jezierski mit Zeichnungen von Spiegelungen begonnen. Es interessierte sie, wie sich Räume in der Spiegelung überlagern. Auch bei ihren aktuellen Arbeiten geht es um den Moment der Überlagerung: Die Künstlerin ist sich dabei sicher, wie wir im Raum stehen und uns verorten, hat viel mit inneren Zuständen zu tun. Dass wir den Himmel sehen oder eine Weite, ist wie eine Metapher für Wahrnehmungszustände: „Landscape can be a metaphor for internal and external states of being.“ Die Vielschichtigkeit der subjektiven Perspektiven steht im Mittelpunkt ihres Werkes und bildet damit ein Spiegelbild des Lebens, das durch verschiedene Meinungen und Interpretationen charakterisiert ist. Die Künstlerin versucht, verschiedene Momente und Räume gleichzeitig festzuhalten. Sie interessiert sich für die Ambiguität: Es ist dieser Zustand des Inbetweenness, den sie immer wieder in ihren Malereien sucht und auslotet. Die Schnittstellen zwischen Figuration und Abstraktion, die unterschiedliche Dinge zusammenhalten und an denen sich der Kipppunkt bemerkbar macht, sind in ihrem künstlerischen Konzept zentral. Im Englischen spricht man von einem Zustand des „on the Verge“. Momente von starker Spannung werden miteinander verwoben und ergeben etwas Neues.
Ein wichtiger Einfluss ist die Musik im Werk von Michelle Jezierski. Elemente wie Harmonie und Dissonanz ebenso wie die Zeit werden von der Künstlerin aus der Musik in die Malerei übertragen. Wellen und Wolken bilden in ihren Malereien so etwas wie einen Klangteppich. Sequenzen tauchen auch in der Natur auf: So können Muster im Sand wie Wolkenformationen interpretiert werden. Höhe und Tiefe tauchen in beiden Gattungen auf. Es ergeben sich Verbindungslinien zwischen den Sphären, schließlich spricht man gern auch von Farbklängen.
Michelle Jezierski geht es um das Wesentliche. Sie nutzt den Raum als Ausgangspunkt um phänomenologische Fragen der Wahrnehmung, Dimension und Perspektive zu beleuchten. Sie interessiert sich für den Dialog zwischen Leinwand und Betrachtenden und es geht ihr dabei um ein kontemplatives Sehen. Dieses kontemplative Sehen ermöglicht uns als Betrachtende das Betreten eines neuen Zwischenraumes. Eines Möglichkeitsraumes, der durch ihre Malereien zwischen Abstraktion und Figuration oszilliert.